EUDI-Wallet

Digitale Identität wird für Versicherungen zum Prozessbaustein

Marc-Christoph Dittmer

Marc-Christoph Dittmer

Manager

Carsten Fuchs

Carsten Fuchs

Senior Manager

  • 23.09.2026
  • Lesezeit 5 Minuten
EUDI-Wallet Versicherungen
Key Takeaways
  • Die EUDI-Wallet wird für Versicherer mehr als ein neues Identifikationsverfahren: Sie kann vertrauenswürdige digitale Nachweise in Antrags-, Service- und Schadenprozesse integrieren.

  • Für Versicherungsunternehmen entstehen konkrete Potenziale bei KYC, Kunden-Onboarding, Vollmachten, Rollen- und Berechtigungsnachweisen sowie digitalen Schadenmeldungen.

  • Ab 2027 gewinnt die Wallet durch die Akzeptanzpflicht für Finanzunternehmen und Versicherungen deutlich an Umsetzungsrelevanz.

Die EUDI-Wallet wird häufig noch als digitaler Ausweis verstanden. Das ist nicht falsch, aber zu kurz gedacht. Digitale Identität kann zu einem wiederverwendbaren Vertrauensbaustein werden, der Antrags-, Service- und Schadenprozesse nachhaltig verändert. Versicherer müssen aus dieser strategischen Einordnung nun konkrete Handlungsfelder ableiten.

Die EUDI-Wallet ist mehr als ein Ident-Verfahren

Vor wenigen Tagen wurde mit der Bekanntgabe des offiziellen Namens „d-you“ und dem angekündigten Startdatum 2. Januar 2027 ein weiterer wichtiger Meilenstein für die EUDI-Wallet in Deutschland erreicht. Zum Start sollen bereits rund 40 Launch-Partner aus unterschiedlichen Branchen erste Anwendungsfälle erproben und ihren Kundinnen und Kunden zugänglich machen.

Gerade für die Versicherungswirtschaft ist das Thema von hoher Relevanz. Die EUDI-Wallet ermöglicht nicht nur eine sichere digitale Identifikation, sondern auch die Nutzung vertrauenswürdiger, maschinenlesbarer Nachweise – etwa für Identität, Wohnsitz, Alter oder weitere Attributsbescheinigungen. Damit kann sie zentrale Versicherungsprozesse vereinfachen, von KYC- und Compliance-Prüfungen über digitale Schadenmeldungen bis hin zur Verbesserung der Datenqualität.

Das Potenzial der EUDI-Wallet: Wo Versicherer zuerst hinschauen sollten

Für Versicherer ergeben sich besonders dort Potenziale, wo heute viele manuelle Prüfungen, Dokumentenuploads oder Rückfragen entstehen. Dazu zählen vorwiegend digitale Antragsstrecken, KYC- und Compliance-Prüfungen, Serviceprozesse, Schadenmeldungen und die Bereitstellung von Versicherungsnachweisen.

Im digitalen Antrag kann die Wallet helfen, geprüfte Kundendaten direkt in die Strecke zu übernehmen. Das reduziert Eingabefehler und beschleunigt die weitere Verarbeitung. Gerade bei Produkten mit erhöhtem Identifikations- oder Dokumentationsbedarf – etwa in der Lebens-, Kranken- oder biometrischen Versicherung – kann dies ein spürbarer Vorteil sein.

Noch alltagsnäher wird der Nutzen bei digitalen Versicherungsnachweisen. Kundinnen und Kunden könnten künftig bestimmte Nachweise direkt aus der Wallet heraus vorzeigen oder freigeben – etwa eine Haftpflichtbestätigung, einen Kfz-Versicherungsnachweis oder eine Bestätigung über bestehenden Versicherungsschutz in einer Reisekrankenversicherung. Für Versicherte bedeutet das weniger Suchen, weniger PDF-Versand, weniger Papier. Für Versicherer bedeutet es eine neue Möglichkeit, Servicequalität sichtbar zu machen.

Die technische und fachliche Implementierung der EUDI-Wallet ist dabei jedoch nicht trivial.

Nicht nur Frontend: Die eigentliche Herausforderung liegt in der Integration

Der Wallet-Zugang allein reicht nicht. Versicherer müssen klären, welche Daten wirklich benötigt werden, wie Prüfregeln aussehen, welche Informationen gespeichert werden dürfen und wann ein Prüfergebnis genügt. Ebenso wichtig sind Fragen der Archivierung, der Audit-Trails, der Zielarchitektur und der Anbindung an bestehende Systeme.

Betroffen sind nicht nur Kundenportale oder Apps. Die EUDI-Wallet berührt auch Antragssysteme, Bestandsführung, CRM, Dokumentenmanagement, IAM, Compliance-Komponenten und Partner-Schnittstellen. Entscheidend ist, dass Wallet-Daten nicht isoliert entgegengenommen werden, sondern fachlich bewertet, geprüft und sinnvoll weiterverarbeitet werden können.

Genau darin liegt der zentrale Handlungsbedarf für Versicherer: die Integration in bestehende Prozess- und Systemlandschaften, die Auswahl relevanter Nachweise, die Definition geeigneter Use Cases sowie die Gestaltung von Prüfregeln, Archivierung und Audit-Trails.

2027 kommt schneller, als viele Umsetzungspläne erlauben

Mit eIDAS 2.0 erhält die EUDI-Wallet einen verbindlichen europäischen Rahmen. Die eIDAS-Verordnung 2024/1183 ist bereits am 20. Mai 2024 in Kraft getreten. Für Versicherer wird die Akzeptanzpflicht ab Ende 2027 relevant.

Wichtig ist: Nicht jeder Kunden-Prozess muss sofort wallet-fähig sein. Aber Versicherer sollten jetzt prüfen, welche digitalen Strecken betroffen sein könnten und wo eine frühzeitige Umsetzung geschäftlich sinnvoll ist.

Wer erst dann startet, wenn alle Details finalisiert sind, wird wenig Gestaltungsspielraum haben. Denn die Vorbereitung betrifft nicht nur Technik. Sie betrifft Fachprozesse, Rechtsfragen, Datenschutz, Informationssicherheit, Architektur, Betrieb und Governance.

Ein sinnvoller erster Schritt ist daher eine strukturierte Standortbestimmung: Wo wird heute identifiziert? Wo werden Nachweise angefordert? Wo entstehen manuelle Prüfungen? Welche Prozesse haben hohes Volumen, hohe regulatorische Relevanz oder besonders viele Medienbrüche?

Aus diesen Antworten entsteht eine belastbare Use-Case-Roadmap.

Versicherer als Aussteller digitaler Nachweise

Versicherer können die EUDI-Wallet nicht nur nutzen, um Nachweise zu empfangen, sondern perspektivisch auch selbst digitale Versicherungsnachweise bereitstellen. Damit werden sie aktive Teilnehmer eines digitalen Nachweisökosystems.

Entscheidend ist dabei die Standardisierung: Nachweise müssen interoperabel und maschinenlesbar sein, damit sie von Behörden, Plattformen, Dienstleistern oder anderen Marktteilnehmern verarbeitet werden können. Eigene Formate einzelner Versicherer würden den Nutzen der Wallet begrenzen. Versicherer sollten sich daher frühzeitig an der Definition von Branchenstandards, etwa über BiPRO, beteiligen und zugleich Fragen zu Datenqualität, Aktualität, Widerrufbarkeit, Governance und Haftung klären.

Was Versicherer jetzt tun sollten

Versicherer sollten zeitnah prüfen, in welchen digitalen Antragsstrecken für sie eine Annahmeverpflichtung besteht. Weiterhin sollte untersucht werden, in welchen Service-, Schaden- und Compliance-Prozessen die EUDI-Wallet außerdem Mehrwert schafft. Besonders geeignet sind Use Cases mit hohem manuellem Aufwand, regulatorischen Anforderungen oder häufigen Nachweispflichten.

Parallel gilt es, die technische Integration vorzubereiten – von Kundenportal und IAM über Bestands- und CRM-Systeme bis zu Archivierung und Compliance. Zudem sollten Versicherer klären, ob sie Wallet-Nachweise nur empfangen oder künftig auch selbst digitale Versicherungsbestätigungen ausstellen wollen.

Sie möchten wissen, welche EUDI-Wallet-Use-Cases für Ihr Haus relevant sind? PPI unterstützt Versicherer bei Standortbestimmung, Readiness Check, Zielarchitektur und Pilotierung – von der ersten Idee bis zum wallet-fähigen Prozess.

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