Digitaler Euro

Vom Rail zur Plattform: Was Zahlungsverkehr und Automobilbau gemeinsam haben

Florian Bongartz

Florian Bongartz

Senior Business Development Manager

  • 26.08.2026
  • Lesezeit 5 Minuten
Zahlungsverkehr Automobilbau
Key Takeaways
  • Bankfachliche Umsysteme werden zu Industrierobotern für künftige Processing Rails im Zahlungsverkehr, angefangen beim Digitalen Euro.

  • Neben SEPA-Rails werden je nach technologischem Unterbau weitere Modelle innerhalb der Systemlandschaft im Zahlungsverkehr gefertigt.

  • Einheitliche Produktionsstraßen ermöglichen es, unterschiedliche Payment Rails auf einer gemeinsamen Plattform abzubilden und bestehende Systeme mehrfach zu nutzen.

Der Digitale Euro tut weh. Selbst die modernste SEPA-Maschine wirkt plötzlich klobig, weil das digitale Zentralbankgeld kaum hereinpasst. Doch wer seinen Blick weitet, erblickt in der Automobilindustrie womöglich die passende Metapher: eine Fertigungsstraße für alles. Ein Ausflug nach Bayern.

Payment Rails als Industrieprodukt

Vor bald 20 Jahren habe ich ein Praktikum bei der BMW Group gemacht. Als Redakteur für die Mitarbeiterzeitung durfte ich viele interessante Geschichten schreiben und, was fast noch spannender war, diese vorher im Unternehmen aufspüren. Häufig begannen diese Geschichten direkt hinter den Werkstoren. Vor allem hinter denen in Dingolfing. Dort baut BMW Cabrios und Limousinen. Besonders beeindruckend ist die sogenannte Hochzeit. Dabei werden Antriebsstrang und Motor zusammen mit dem Chassis verbunden.

Dieses Bild lässt sich auch auf Banken und den Zahlungsverkehr übertragen. Beispielsweise haben die Institute einen Antriebsstrang mit einem SEPA-Motor gebaut mit Schemes, die sich auch als Treibstoff auffassen lassen. Klassische SEPA-Zahlungen entsprechen unverbleitem Benzin, Instant Payments natürlich Super Plus. Und der selbstzündende Diesel steht für den Auslandszahlungsverkehr. Um das Bild nicht zu überreizen, hier die Pointe: Worum es geht, ist die Fahrzeugflotte, die mit der Größe der zu bewegenden Last wächst.

Jetzt aber kommt plötzlich der Digitale Euro. Und der will nicht so richtig passen, weil die Banken mit einem zweiten „System of Record“ bei der Zentralbank arbeiten und sich auch um die Wallets für ihre Kunden kümmern müssen. Das beißt sich mit dem klassischen Processing und auch das Clearing fällt praktisch weg. Stattdessen geht es um Orchestrierung und Integration, also um eine völlig neue Art Antrieb. Ganz ähnlich wie beim Elektromotor: Die Branche erlebt praktisch ihren „Tesla-Moment“.

Eine Fertigungsstrecke für alles

Weil Strom nicht in den Tank geht, müssen die Fahrzeuge umgebaut werden. Könnte man meinen. Doch in Wahrheit geht es darum, den Antriebsmix innerhalb der Fahrzeugflotte zu verändern, aber nicht jedes einzelne Auto.

SEPA-Transaktionen bleiben uns erhalten. Sie spielen künftig sogar eine entscheidende Rolle dabei, verschiedene Weltregionen untereinander mit Echtzeitzahlungen zu verbinden. Der Schlüssel dazu heißt: OCT Inst. Doch dabei wird es nicht bleiben. Obwohl auch die Antriebe von heute immer effizienter und besser werden, kommen ständig neue dazu. Was häufig unter dem Schlagwort „Technologieoffenheit“ beschrieben wird, passiert zunehmend auch in anderen Wirtschaftszweigen, eben auch im Zahlungsverkehr.

Neben dem Digitalen Euro als weiterem Payment Rail entsteht in der Schweiz der digitale Schweizer Franken. Allerdings ist das eine digitales Zentralbankgeld und das andere ein von einem Konsortium auf Ethereum konzipierter Stablecoin. Tokenized Deposits zeichnen sich ebenfalls als weitere Antriebsart für den Zahlungsverkehr ab. Banken sollten den Blick daher vom Fahrzeug auf die Fabrik richten. Wie lassen sich passende Autos für jeden Zweck bauen, ohne ständig von vorn anzufangen?

Die Antwort: einheitliche Produktionsstraßen (Unified Production Lines).

Unified Payment Platforms

In Dingolfing wurden etwa unterschiedliche BMW-Modelle auf demselben Band gebaut, egal ob Limousine oder Cabrio, egal ob Benziner oder Diesel, egal ob Heckantrieb oder Allrad und vom Lack bis zur Sitzgarnitur alles den Kundenwünschen gemäß. Das hatte gleich mehrere Vorteile:

  • Eine Fabrik für alle Modellreihen und Fahrzeugvarianten
  • Einmal entwickelte Technologien lassen sich wiederverwenden

BMW hat sich beispielsweise überlegt, Karosserie und Lack elektrisch unterschiedlich aufzuladen. Das Ergebnis:einn gleichmäßigeres Erscheinungsbild bei weniger Verbrauch an Rohstoffen. Solche Errungenschaften gibt es auch in der Bank. Warum einen Shadow Ledger für den Digitalen Euro einführen, wenn man gerade ein echtzeitfähiges Kernbanksystem in die Bank eingebaut hat? Viel besser wäre es doch, wenn die bestehenden Systeme für möglichst viele verschiedene Zwecke eingesetzt werden.

Das geht, wenn man die bankfachlichen Umsysteme als die Industrieroboter einer für den Zahlungsverkehr eingerichteten Fertigungsstraße begreift. Schließlich müssen sowohl bei SEPA-Transaktionen als auch beim Digitalen Euro neben AML-/Fraud- und Embargo- auch die Buchungssysteme und vieles mehr angesprochen werden. Der TRAVIC-Payment Hub wird beispielsweise über nahezu dieselben Schnittstellen angebunden wie das Betriebssystem für den Digitalen Euro.

Ausblick

Im Zahlungsverkehr wird es auf absehbare Zeit immer bunter. Immer mehr in ein bereits bestehendes System hinzustopfen versuchen, wird deshalb schiefgehen. Neben den Rails geht es dabei auch um die Betriebsmodelle. Beim Digitalen Euro, der sich funktional kapseln lässt, fragen viele Institute beispielsweise nach einem SaaS-Angebot, obwohl die übrige Plattform „on premises“ betrieben wird. Mischbetriebe werden die Regel werden, je nachdem, wo sich die jeweilige am Markt differenzieren möchte.

Zwischen Commodity und Value zu unterscheiden, gehört zu den strategischen Kernaufgaben jedes Unternehmens. Das gilt auch für den Zahlungsverkehr. Ob die Autoindustrie wirklich das passende Bild war, um diese Idee zu vermitteln, mag jeder für sich entscheiden. Aber ich mag die Idee, dass eine gemeinsame Plattform unterschiedliche Anforderungen bedienen kann.

Verfasst von

Florian Bongartz

Senior Business Development Manager

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