Der SFDR-Review adressiert zentrale Schwächen der heutigen ESG-Praxis (v. a. Produktklassifizierung, Datenqualität, Transparenz), löst aber nicht alle von ESMA identifizierten Probleme rund um Nachhaltigkeitspräferenzen und Geeignetheitsprüfung.
Für Institute entsteht erheblicher operativer Anpassungsbedarf: ESG-Datenmodelle, Produktklassifizierungen, MiFID-II-Präferenzlogiken, Fragebögen, Portfolio-Monitoring und Product Governance müssen konsistent auf die neuen SFDR-Kategorien ausgerichtet werden.
Inwiefern können die geplanten Änderungen der Offenlegungsverordnung (SFDR) tatsächlich die von der ESMA identifizierten Praxisprobleme bei der Erhebung von Nachhaltigkeitspräferenzen lösen? Und welcher operative Umsetzungsaufwand käme auf Finanzinstitute zu? Dazu haben wir die ESMA-Befunde mit den SFDR-Reformvorschlägen abgeglichen und eingehend analysiert.
ESG-Compliance: Aktueller Stand
Die ESG-Regulatorik nimmt wieder an Fahrt auf: Anfang Mai veröffentlichte die Europäische Finanzmarktaufsicht (ESMA) ihre Ergebnisse zur Umsetzung der MiFID-II-Nachhaltigkeitspräferenzabfrage mit besonderem Fokus auf die ESG-Klassifizierung von Produkten, die Geeignetheitsprüfung sowie Nachhaltigkeitsaspekte im Product-Governance-Rahmen: Die Aufsicht erkennt Fortschritte an, zeigt aber gleichzeitig Inkonsistenzen bei Prozessen, Governance und Dokumentation auf. Parallel schreitet die Überarbeitung der Offenlegungsverordnung (SFDR) voran. Ende April 2026 veröffentlichte der ECON-Ausschuss (Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments) seine Sichtweise auf den SFDR-Reform-Vorschlag der EU-Kommission. Ergänzend lassen aktuelle Arbeitsdokumente auch erste Verhandlungslinien auf Ebene des Rates erkennen; eine veröffentlichte offizielle Ratsposition liegt bislang jedoch noch nicht vor.
Heute schauen wir auf den aktuellen Stand rund um Produktklassifizierung, Nachhaltigkeitspräferenzen, Fragebögen und PAI.
Produktklassifizierung
Die ESMA-Ergebnisse zeigen erhebliche Unterschiede bei der ESG-Klassifizierung von Produkten. Ursachen sind insbesondere Datenlücken, inkonsistente Herstellerangaben sowie Unsicherheiten bei der Zuordnung von Taxonomie-, SFDR- und PAI-Kriterien. Genau hier setzt der SFDR-Review an: Mit den neuen Produktkategorien („Nachhaltig“, „Transition“, „ESG basics“) soll die bisherige Artikel-8- bzw. Artikel-9-Systematik deutlich stärker standardisiert werden.
Die operativen Auswirkungen wären erheblich. Hersteller müssten ESG-Produktlogiken und Zielmarktdefinitionen neu strukturieren; Vertreiber ihre Mapping-Logiken zwischen Produktdaten und Nachhaltigkeitspräferenzen sowie die vorgängige Erhebung der Nachhaltigkeitspräferenzen anpassen. Besonders betroffen wären ESG-Datenmodelle, EET-Prozesse und Schnittstellen zwischen Herstellern und Vertreibern.
Verständlichkeit der Nachhaltigkeitspräferenzen
Viele Institute haben Schwierigkeiten, die Nachhaltigkeitspräferenzen verständlich zu erklären. Besonders Taxonomie-Quoten, „Nachhaltige Investitionen“ nach SFDR und PAI-Indikatoren gelten als schwer vermittelbar und werden nur unzureichend erläutert oder vermieden. Auch eine Studie des Centers for Financial Studies ermittelte, dass seit der verpflichtenden Abfrage von Nachhaltheitspräferenzen unter MiFID II der Anteil der Kunden, die aktiv eine ESG-Präferenz angeben, sinkt. Der SFDR-Review adressiert dies indirekt durch die geplanten Produktkategorien und den Wegfall des Begriffs „Nachhaltige Investition“ innerhalb der SFDR.
Operativ könnte dies zunächst zu zusätzlicher Komplexität führen. ESG-Fragebögen, Beratungsstrecken, Geeignetheitsprozesse und Schulungsunterlagen müssten überarbeitet werden. Gleichzeitig entsteht eine Übergangsphase, in der bestehende MiFID-II-Präferenzen weiterhin auf alten Begrifflichkeiten beruhen, während sich die Produktseite bereits verändert.
PAI-, Taxonomiequoten und Präferenzabfrage
Bei der Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen bestehen erhebliche Unterschiede hinsichtlich Granularität und Methodik. Besonders deutlich wird dies bei PAI- und Taxonomiepräferenzen. Die Analyse zeigt, dass Institute bei Taxonomiequoten häufig nur sehr niedrige Bandbreiten anbieten – oftmals unter 10 %. Hierbei handelt es sich jedoch um ein bekanntes Spannungsfeld: die faktische Begrenzung regulatorischer Auswahlmöglichkeiten durch Datenlage und Produktverfügbarkeit.
Der SFDR-Review greift dieses Spannungsfeld unmittelbar auf. Während die Kommission die Veröffentlichung von PAI-Daten auf Unternehmensebene reduzieren möchte, werden gleichzeitig neue regulatorische Mindestquoten eingeführt: Produkte der Kategorien „Nachhaltig“ und „Transition“ sollen künftig Taxonomiequoten von mindestens 15 % erfüllen; der ECON-Bericht schlägt 20 % vor. Auch der Rat diskutiert Quoten, hat aber dazu noch keine gemeinsame Linie entwickelt.
Die Auswirkungen auf Prozesse und Systeme wären signifikant. ESG-Datenmodelle, Product-Governance-Prozesse und Geeignetheitslogiken müssten regulatorische Mindestquoten künftig technisch verarbeiten und überwachen können.
Die ESMA-Untersuchung zeigt deutliche Unterschiede bei Aufbau und Detailgrad der Fragebögen zur Erhebung der Nachhaltigkeitspräferenzen. Aus Compliance-Sicht besonders relevant sind dabei die Kritik der ESMA an potenziell steuernden oder suggestiven Fragebögen und die teilweise geringe Granularität der Abfragen. Viele Institute orientieren die angebotenen Präferenzstufen offenbar eher an der verfügbaren Produktpalette als an tatsächlichen Kundenpräferenzen. Der SFDR-Review adressiert diese Problematik allerdings nur indirekt.
Für Vertreiber dürfte dies dennoch erhebliche Anpassungen nach sich ziehen. Fragebögen, Beratungslogiken und technische Präferenzmodelle müssten mit den neuen SFDR-Kategorien harmonisiert werden. Gleichzeitig bleibt offen, wie bestehende MiFID-II-Präferenzmodelle künftig konkret mit den neuen Produktkategorien verbunden werden.
Nachhaltigkeitspräferenzen und SFDR-Review sind noch nicht im gleichen Takt

Infografik: SFDR-Review und MiFID II – 8 Handlungsfelder zu Nachhaltigkeitspräferenzen, ESG-Produktklassifizierung und Product Governance
Infografik: SFDR-Review und MiFID II – 8 Handlungsfelder zu Nachhaltigkeitspräferenzen, ESG-Produktklassifizierung und Product GovernanceIn einem weiteren Beitrag werden wir den Impact auf das Thema Product Governance in den Vordergrund stellen und aufzeigen, wie der Einsatz neuer Technologien dabei helfen kann.










